20.10.2026 08:28
Weltpremiere: Auf schmaler Spur in Richtung Zukunft
Stadler testet zwischen Hemishofen und Ramsen den weltweit ersten Schmalspur-Wasserstoffzug
In Bussnang entsteht eine Weltneuheit: Stadler baut die ersten Wasserstoffzüge für die Schmalspur. Doch bevor die Züge durch Süditaliens Berge rollen, müssen sie auf Schweizer Gleisen bestehen. Allein die zehn Züge für Sardinien sollen jährlich über 2100 Tonnen CO2 einsparen.
Bussnang Der italienische Regionalverkehr erhält neue, wasserstoffbetriebene Züge von Stadler. Was erst einmal nicht besonders klingt, ist jedoch eine Weltneuheit. Denn erstmals werden wasserstoffbetriebene Züge von Stadler für die Schmalspur mit einer Spurbreite von 950 Millimetern gebaut, denn in Süditalien, etwa auf Sardinien, Sizilien und rund um Neapel, fahren die Züge auf der sogenannten italienischen Meterspur. Ein Schienennetz, das es ausserhalb Italiens nirgends gibt.
Um diese Züge zu testen, hat Stadler zwischen den Bahnhöfen in Ramsen und Hemishofen ein vier Kilometer langes Gleis als dritte Schiene gebaut. Diese verläuft innerhalb des bestehenden Normalspurgleises. «Die Nähe zu unserem Werk sowie der Privatbesitz der Strecke ermöglicht es uns, zu flexiblen Zeiten unsere Züge auf Herz und Nieren zu testen», erklärte Ansgar Brockmeyer, Divisionsleiter Marketing & Sales und Stellvertretender Group CEO von Stadler.
Umfangreiche Tests
Auf dem Normalspurgleis absolvierte bereits der Wasserstoffzug für Kalifornien seine Testfahrten. Aus dieser Erfolgsgeschichte heraus sei die Idee entstanden, die Teststrecke um ein Schmalspurgleis zu erweitern. «Normalerweise hätten drei verschiedene Teams die Züge an den drei Standorten Kalabrien, Sizilien und Sardinien testen müssen. Jetzt können wir das vor Ort übernehmen. Gleichzeitig entlasten wir die Strecken unserer Kunden», so Brockmeyer weiter. Bevor die 21 Wasserstoffzüge auf den süditalienischen Gleisen verkehren, werden sie einige Monate in der Schweiz intensiv getestet.
Für diese technisch komplexen Fahrzeuge sei die Testzeit besonders wichtig, wie Alessio Salvatore, Projektleiter des Wasserstoffzuges Stadler erklärte. «Wir konzentrieren uns auf die Erprobung des Wasserstoffantriebs. Dabei wird das Fahrzeug mit unterschiedlichem Füllstand des Wasserstofftanks und bei verschiedenen Geschwindigkeiten geprüft. Im Anschluss folgen weitere zulassungsrelevante Tests, unter anderem zum Beschleunigungs- und Bremsverhalten.» Mit dem Start der Testfahrten werde ein weiterer Schritt hin zu emissionsfreier Mobilität gemacht.
Meilenstein für Sardinien
«Die bevorstehende Auslieferung der neuen Wasserstoffzüge ist für ARST ein wichtiger Meilenstein. Diese ist Teil einer grossen Investition in die Zukunft. Wir schaffen hiermit einen weiteren Schritt in Richtung sicheren Transportmöglichkeiten auf Sardinien», betonte Carlo Poledrini, Generaldirektor ARST. Die Züge würden nach den Tests in der Schweiz auf Sardinien noch unter Realbedingungen intensiv getestet.
Wie diese aussehen, lasse sich bisher natürlich schlecht sagen. «Die Züge für ARST bieten 89 Sitzplätze, darunter 15 Klappsitze. Hinzu kommen 81 Stehplätze», erklärte Alessio Salvatore. Die schmalspurigen Wasserstoffzüge seien ideal für die in bergigen Regionen und könnten auch Verzögerungen besser entgegenwirken. «Die Wasserstoffzüge haben eine bessere Beschleunigung als Dieselzüge. Zudem sind sie natürlich leiser und verursachen deutlich weniger CO2.» So sparen zehn Wasserstoffzüge im Vergleich zu bisherigen Dieselzügen jährlich über 2100 Tonnen CO2 ein.
«Wasserstoffzüge sind sicher eine ernstzunehmende Option für die Zukunft. Allerdings gilt es auch immer, die jeweiligen Situationen vor Ort zu bewerten. Denn Wasserstoffzüge sind nicht automatisch für jede Strecke die beste Lösung», so Salvatore. Zudem sei wichtig, woher der Wasserstoff stamme. Im Falle der Lieferung nach Italien sei dies kein Problem, die Unternehmen produzierten ihren Wasserstoff selbst.
Von Nico Wrzeszcz