29.06.2026 08:00
Gluthitze war Nebensache
Schwingsport liegt im Trend. Der traditionelle Schweizer Nationalsport zieht immer grössere Menschenmassen in seinen Bann und lässt selbst Unannehmlichkeiten wie Gluthitze zur Nebensache werden. Am NOS in Güttingen konnte am vergangenen Sonntag das Phänomen Schwingen auf ganz verschiedene Weisen miterlebt und mitgelebt werden.
Schwingen Wer wagt sich bei 35 Grad am Schatten und bei Windstille freiwillig einen ganzen Tag lang in die brennende Sommersonne und zahlt auch noch dafür? – Diese Frage wird wohl ausserhalb der Schwingerfamilie von niemandem so unmissverständlich und mit einer solchen Selbstverständlichkeit beantwortet. Denn schliesslich weiss jeder Schwingfan, wieso er sich dies liebend gern antut, wieso ein Schwingfest «Fest» und nicht «Wettkampf» oder «Turnier» genannt wird. Das NOS in Güttingen wird garantiert den meisten der rund 1400 Helferinnen und über 10'000 Besuchern in bester Erinnerung bleiben. Denn das Teilverbandsschwingfest lieferte an einem Hochsommertag unzählige Beweise, wieso der Schwingsport in den letzten Jahren so populär geworden ist und wieso dieser Trend wohl noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht hat.
Um die Entwicklungen aufzuzeigen, die der Schwingsport in den letzten Jahren gemacht hat, bietet sich ein Vergleich mit dem NOS vor einem Vierteljahrhundert an. 2001 fand schon einmal ein Teilverbandsschwingfest des Nordostschweizer Schwingerverbands unweit des jetzigen Standorts statt, verrät Urs Berger, Ressortleiter Medien und Werbung des NOS Güttingen: «Das NOS in Altnau im Jahr 2001 war ein kleines Schwingfestli. Mittlerweile ist jedes Thurgauer Kantonale eine Nummer grösser.»
Die Beliebtheit des Sports zeigt sich nicht nur anhand der Zuschauerzahlen, sondern auch anhand der Präsenz des Schweizer Nationalsports in der Medienlandschaft. Denn waren Artikel über Schwingfeste früher in den grossen Zeitungen vielleicht gerade einmal interessant genug für eine Randnotiz, kann heute kein Medium auf eine Berichterstattung verzichten. Und dies wissen selbstverständlich auch die Organisatoren und taten dies in einem Informationsschreiben an Medienschaffende im Vorfeld auch kund. In diesem hiess es nicht nur, dass ein «Check-in» bis um 07.29 Uhr obligatorisch ist, sondern auch, dass man besser nicht vergisst, den Wecker zu stellen: «Bis zu diesem Zeitpunkt müssen sich sämtliche Medienschaffenden angemeldet haben. Danach verfällt die Akkreditierung für den gesamten Veranstaltungstag.»
Ein riesiges Volksfest
Dass ein Schwingfest viel mehr als nur ein sportlicher Wettkampf in einer Open Air Arena ist, war gleich an mehreren Orten auf dem Areal in Güttingen festzustellen. Riesige Festzelte verpflegten Tausende von hungrigen und durstigen Besuchern. Berieselungsschläuche sorgten für erfrischenden Sprühnebel in der Gluthitze. Und beim Steinstossen konnte mitverfolgt oder auch miterlebt werden, wie viel geschickter die geübten Athletinnen die unterschiedlich schweren Steine in den Sand stiessen als die blutigen Anfänger. Nur beim Besuch des Gabentempels musste man sich etwas gedulden, denn bildete sich doch tatsächlich eine längere Schlange vor den «toten» Preisen. Nicht so bei den «lebendigen», wo zwei Kälber und ein Fohlen Siegermuni «Waldis» vor allem beim jüngeren Publikum die Show stahlen.
Auch während in den Sägemehlringen die stämmigen Kolosse um den Festsieg kämpften, herrschte auf den Tribünen emsiges Treiben. Es wurde zusammen gequatscht, gefachsimpelt, gegessen und gelacht. Dass hier nicht nur alle Generationen miteinander das Gaudi hatten, sondern viele der Zuschauer keine Ahnung davon hatten, wie sich ein «Fussstich» von einem «Wyberhaken» unterscheidet, führte nicht etwa zu Spannungen, sondern trug viel mehr zum extrem harmonischen Ganzen bei. Denn schliesslich besteht das Wort «Schwingfest» aus zwei Teilen und niemand gibt vor, welchen man mehr betont.
Je näher die Mittagsstunde kam, desto mehr rückte Abkühlung in den Fokus, desto mehr wurden Sprühflaschen und Fächer in Gebrauch genommen. Und wer richtig Durst oder heiss hatte, der eilte ungeniert kurz unter dem Absperrungsseil hindurch zum Festbrunnen und füllte die Flasche nach oder benetzte den Kopf mit dem kühlen Nass. Keinem der bodenständigen Schwinger wäre es in den Sinn gekommen, jemanden davon abzuhalten. Und andere Sicherheitsleute gibt es ja an einem Schwingfest ohnehin nicht.
Gelebtes Brauchtum
Obwohl überall so viel los war, Tausende von Menschen zusammen ein riesiges Fest feierten, war der Lärmpegel nicht hoch. Nur gelegentliche Anfeuerungsrufe für Publikumsliebling «Dodo» und das Wiehern der Stute aus Richtung der Lebendpreise vermochten den angenehmen Umgebungslärm gelegentlich zu übertönen. Das NOS in Güttingen lieferte auch den Beweis, dass ein «gesunder» Konsum von Alkohol nicht zwingend zu Problemen führen muss. Obwohl in aller Herrgottsfrühe getrunken wurde, waren zu keinem Moment negative Auswirkungen zu sehen. Und getrunken wurden nicht nur kalte Biere und Säfte, sondern auch «geistreichere» Getränke. «Ich habe bereits sechs verkauft», meinte zum Beispiel ein «Kafi Luz»-Verkäufer mit einem zum Rucksack umfunktionierten Thermoskrug kurz nach 6 Uhr in einer noch leeren Arena. Solche Eigenheiten sind es, die den Besuch eines Schwingfests zu einem Erlebnis machen. Denn egal, wie gross die Feste sind und wie populär ein Besuch dieser in Zukunft werden wird, wird Schwingen immer mehr als nur Sport bleiben. Es ist Brauchtum. Und bei solchem stehen Gott sei Dank gewisse Dinge nicht zur Diskussion.
David A. Giger